Section: Interviews 35153Autor: Diggi
Datum: 06.02.2017
Bereich: Interviews

Ausführlicher Plausch mit Bassist, Keyboarder und Sänger Michael

Aufgetankte Ferraris......

CORNERSTONE

1) Ihr seid nicht erst seit gestern unterwegs. Was gab 1998 den Impuls solch einen eher nicht omnipräsenten Stil als Band zu spielen? UND: Wie verlief von damals (von den Covern von REM etc) bis heute aus eurer Sicht die musikalische Evolution der Band?


Steve und ich waren in den Neunzigern ziemliche MTV-Freaks, und so war es ein logischer Schritt, dass wir irgendwann selbst eine Band gründeten. Wir wollten die Musik, die wir selber cool fanden spielen, und das war eben die Bands dieser Zeit – Soul Asylum, The Cure, REM, etc.. Der damalige Schlagzeuger und Gründungsmitglied Markus Bousska hat relativ rasch klar raschgemacht, dass er mit einer weiblichen Stimme und eigenen Songs arbeiten wollte, somit war sozusagen er es, der die Richtung vorgegeben hat. Es  entstanden dann Songs wie „Changed“ oder „I Can’t Even Say No“, die auch auf unseren Debüt „Head Over Heels“ zu finden sind, die aber noch ziemlich im Stil jener Musik sind  – eben Kinder ihrer Zeit. Nachdem ich aber immer auch schon Bands wie Toto und Journey ziemlich cool fand, beschlossen wir ,auch ein paar Nummern in dieser Richtung, zu schreiben -  am Ende des Tages sind genau das die Songs von „Head Over Heels“, die im Gedächtnis geblieben sind: „Ready To Go“, „Fade Away“, „Regret“…  die spielen wir auch heute noch auf Konzerten, was vermutlich einiges über deren Beliebtheit aussagt.

Zusammengefasst gesagt denke ich, das die Band eine Entwicklung durchgemacht hat: „Head Over Heels“ war ein Alternativ-Rock/ Indie-Album mit ein paar AOR-Einflüssen; beim zweiten Album „Somewhere in America“ haben wir diese Kombination umgedreht. Bei „Reflections“ denke ich, daß wir zwar stilistisch nach wie vor ziemlich breit aufgestellt sind, am Ende des Tages ist es aber ein AOR-Album, und im Grunde sind wir wahrscheinlich auch zu einer AOR-Band geworden. Eine Entwicklung, die ich persönlich sehr, sehr gut finde. J Ich wollte ein Album machen, das sehr keyboard-orientiert, sehr radiofreundich wird, sowas wie eine härtere Version von Savage Garden. Steve wollte eher in eine rauhere, dreckigere Richtung gehen, so im  Gun’s Roses-Style. Der Produzent von „Reflections“ – Harem Scarem Mastermind Harry Hess - hat dann einfach die Gitarren und das Schlagzeug aufgedreht, und etwas geschaffen, daß weder wie „Affirmation“ noch wie „Appetite for Destruction“ geklungen hat, sondern wie etwas komplett eigenständiges. Well done, Harry!

2) Warum müssen AOR oder Soft Rock Alben visuell immer mit dem Stilmittel „Großstadt bei Nacht“ spielen? Eine semi-ernste Frage, obwohl das immer wieder auffällt. Wobei Euer Cover Artwork mit dem von High Spirits und deren „Another Night“ Album definitiv zu den besten zählt.


Haha, danke für die Blumen! Ich denke, man verbindet eben ein paar Begriffe mit diesen „Skyline-Covern“, die man auch auf die Musik umlegen kann: urban, elegant, ein bischen romantisch, ein wenig Achtziger…  wir hatten vier oder fünf Artworks zur Auswahl, und jeder hat sich sofort für dieses entschieden,  sich die anderen nicht mal mehr angesehen. Wir haben zuerst mit dem Albumtitel „Northern Light“ herumgespielt, was ganz hervorragend zum Cover gepasst, aber keinen Bezug zur Musik gehabt hätte. Letztendlich haben wir uns dann für den ursprünglichen Arbeitstitel „Reflections“ entschieden, weil das sowohl zum Artwork als auch zu den Songs perfekt gepasst hat.

Eigentlich hat mich unser UK-Promoter, Nicky, auf den Titel gebracht: er hat mir das Video „Reflections“ von Shy geschickt – toller Song übrigens! – und ich dachte mir, das wäre eigentlich ein cooler Albumtitel. Ich erlebte zu diesem Zeitpunkt eine ziemlich unfaire und schmerzhafte Trennung, und das Schreiben der Songs war somit eine Art Therapie für mich – „True Confessions“ oder „Once“ sind wahrscheinlich die autobiographischsten Tracks, die ich jemals getextet habe. Am Ende haben sich die Songs, der Titel, und auch das Albumcover zu einer perfekten Symbiose als Ganzes zusammengefunden. Mir gefällt die Doppeldeutigkeit, „Reflections“ – Reflexionen, Spiegelungen, kann man sowohl im wörtlichen Sinne als auch als ein Zurückblicken, Analysieren interpretieren. Mir gefallen generell Titel mit einer tieferen Botschaft, die alles Mögliche bedeuten können, das schlägt sich auch in den Texten nieder, auf die ich diesmal sehr stolz bin. Ich denke, die Mischung aus Retro und Moderne des Artworks trifft den Stil unserer Musik punktgenau.

3) Ich habe gerade schon versucht, wie es Schreiberlinge unter Zwang immer wieder tun müssen, die Musik von CORNERSTONE zu „kategorisieren“. Könnt Ihr damit leben? UND: Was würdet Ihr über Euch selbst sagen? Einfach eine Rock Band? Nö, oder?


Damit muss man als Band leben *lacht*. Ich würde uns unter Rock/ Pop/ AOR einordnen, wahrscheinlich in dieser Reihenfolge – etwa so wie  Fleetwod Mac, Journey oder Quarterflash, mit denen wir ziemlich häufig verglichen werden, vor allem in England. Wir haben immer schon Sachen ausprobiert auf unseren Alben… Z.B. „Stay“ vom „Somewhere in America“-Album wäre bei Wacken nicht großartig aufgefallen, aber wir haben auch Sachen wie „Right Or Wrong“ geschrieben, das in jeder Kuschelsendung im Radio geliebt worden wäre (ist es auch). Auch  auf „Reflections“ wurde wieder stilistisch probiert, aber ich glaube, auch durch Harry’s Produktion ist die Bandbreite etwas schmaler, fokusierter geworden (im positiven Sinne).

4) Eher ungewöhnlich sind Eure schon früh gesammelten Tourerfahrungen, im UK aber auch in den Staaten. Wie fühlte sich das seiner Zeit an?


Als wir begonnen haben, eigene Songs zu schreiben, haben wir das eigentlich nur für uns, für unseren persönlichen Musikgeschmack gemacht, damit wir auf den Konzerten was zu verkaufen hatten und auch was vorweisen konnten. Schon damals haben uns viele Leute angesprochen und gemeint, daß wir mit unserem Sound nach Amerika gehören. Ich dachte mir, na klar, in Amerika werden sie auf Cornerstone aus Austria warten… Eines Tages habe ich dann in der Früh meine Mails gescheckt, und da war ein Angebot eines US-Labels, per MySpace, das damals noch Bedeutung hatte. Die hatten sich sogar die Arbeit gemacht, das mit Übersetzungsprogramm zu übersetzen, was natürlich witzig geklungen hat, aber der Sinn war klar. Ich habe sofort alle angerufen – es war 6:30 Uhr morgens, und obwohl ich alle aufgeweckt habe, waren alle hocherfreut. Schläfrig, aber dafür hocherfreut! *lacht*

Das Label hat relativ schnell klargemacht, dass wir gefälligst auch in den Staaten aufzukreuzen haben, wenn sie uns schon signen… man lässt ja mit sich reden *lacht*. Die England Sachen sind damals eigentlich durch unseren UK-Promoter, mit dem wir immer noch arbeiten, entstanden. Damals hatte er eine Kooperation mit einer Bookerin, und so ging es ab nach UK. Begonnen hat es nicht so toll: das erste Konzert war in Stockport, der Veranstalter wollte das Konzert nicht machen und hat die Leute heimgeschickt… als wir dann hinkamen, war fast niemand mehr da! *lacht*. Wir hatten bei dem Gig eine großartige Vorgruppe – The Words aus Manchester – und so haben wir dann mehr oder weniger für uns selber gespielt. Als es dann ums Zahlen ging, hat sicher Veranstalter im Keller eingesperrt und geweigert, herauszukommen… Leute gibt es.. *lacht* Das darauffolgende Konzert in Nottingham am nächsten Tag war aber dafür spitze. Im Laufe der Zeit sind die UK-Touren aber ein wenig stromlinienförmiger, unaufregender geworden – diese kleinen, lustigen Sachen passieren fast nicht mehr – in dem Fall: zum Glück! *lacht*
 

5) In meiner Review ließ ich meine positive Verwunderung darüber, dass ich eine CD auf dem Tisch einer Band habe, die ohne ironischen Unterton dem Softrock der 80er und frühen 90er Jahre huldigt, immer wieder Raum. Warum gibt es denn nun kaum noch Musik wie die von z.B. Nik Kershaw, Mike Oldfield, Paul Young, Kim Carnes oder Pat Benatar? Auch wenn Ihr nicht direkt damit zu vergleichen seid, löst Ihr zumindest bei mir Assoziationen zu einer glücklichen Radio-Kindheit aus. (Kurz bevor mich der harte Rock gepackt hat)


Ich glaube, es ist immer am besten, seinem Herzen zu folgen, und so handhaben wir das auch mit der Musik: wir schreiben die Sachen so, wie wir sie fühlen, wie wir glauben, dass die Songs richtig sind. Und bei mir ist das ziemlich die Musik, mit der ich auch aufgewachsen bin: Alan Parsons, eben Toto, Journey …  Steve stand immer schon auf die etwas härteren Sachen, Metallica, Nightwish, Guns Roses… die Schnittmenge daraus ergibt die Musik von Cornerstone. Niemand hat sich hingesetzt und gesagt „Oja – lass uns einen Song wie Heart schreiben“. Songs, wachsen, entwickeln sich ja auch, und wir finden sie so richtig. Ich denke, man kann ohnehin nicht allen alles recht machen, und Kritik ist immer und jederzeit berechtigt und erwünscht – solange sie fundiert und begründet ist. Damit muss man als Musiker leben, aber natürlich freut es uns immer, positive Meinungen zu hören J

6) Im November habt Ihr das Video zu ‚Last Night‘ veröffentlicht. Bei Youtube habt Ihr dazu geschrieben: „ENJOY THIS UNHIP, UNCOOL AND UN-SEXY MUSIC!“ Eine klare Standortbestimmung mit einem Augenzwinkern?


Haha, ich denke, an dem Spruch bin ich „schuld“: wir waren damals in einem deutschen Rockmagazin, und für mich haben die Bands da drinnen alle gleich identitätslos und austauschbar ausgesehen: man konnte ohne Probleme das Foto der Band von Seite 17 mit dem Pic der Band auf Seite 28 tauschen, ohne, das es aufgefallen wäre. Wir sind da irgendwie raus gestochen, und im Gegensatz zu den anderen „cool  aussehenden“, dunkel gekleideten und finster schauenden Bands mit ihren opulenten Logos wirkten wir dann doch ziemlich „uncool“ (ironisch gemeint jetzt). Ich dachte, mir, aus dem machen wir unseren Slogan, ich würde eine Band, die sich selber als un-sexy und uncool bezeichnet, sofort auschecken und anhören. Ziel erreicht *lacht*. Journey waren in ihren Heydays auch ziemlich „uncool“, obwohl sie Millionen Alben verkauft haben, was wiederum ich …. cool finde *lacht*

7) Was steht bei CORNERSTONE im Jahr 2017 noch an?


Im Moment ist bis März Pause. Ich lief das ganze Jahr 2016 auf 120%, irgendwann muss man mal die Füße hochlegen. Dann geht es wieder los mit Konzerten, und mal schön langsam wieder mit neuen Songs anfangen, aber kein Stress: im Moment haben wir ein wenig genug von Studios und Alben *lacht* Aber der Hunger kommt bestimmt wieder. Nun, und wir hoffen natürlich, dass viele Leute das Album „Reflections“ kaufen, damit wir unsere Ferraris volltanken und unsere Swimmingpools befüllen können *lacht*  – gibt’s auf amazon und iTunes J

 

 

 

 



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