Section: Interviews 36591Autor: Diggi
Datum: 22.06.2017
Bereich: Interviews

Sänger Rob DeVille stellte sich unseren Fragen!

Dysphoria

ENEMY I

1)„Dysphoria“ ist ein ziemlich cooler Titel und passt wunderbar zu dem bedrückenden thematischen Überbau des Albums. Bitter erläutert doch mal, was zuerst da war; Der Titel als Wegweiser, oder stand da das Konzept schon? Und: Erläutert bitte ein wenig, worum es in den Stücken geht!


Die Frage erinnert ein wenig an das "Henne-Ei-Problem" ("was war zuerst da: die Henne oder das Ei?"), nur dass bei uns die Antwort vermutlich weitaus simpler und unspektakulärer ausfällt :D
 

Das (Teil-)Konzept des Albums ist im Prinzip während des Songwritings entstanden. Es hat sich also eher ergeben, als dass es vorab akribisch geplant war.
Ganz allgemein entstehen unsere Texte meist durch ein Erlebnis oder einen gedanklichen Impuls, was einen derart beschäftigt, dass es einfach verarbeitet werden will. Die Musik fungiert dabei als eine Art Ventil.
 

Im Falle von "Dysphoria" zeugen die Texte hauptsächlich von unterschiedlichen Missstimmungen und werden dadurch thematisch zusammengehalten.
Da – wie jeder sicherlich weiß - die eine oder andere zwischenmenschliche Beziehung diesbezüglich ausreichend "Stoff" liefert, bildet eine tragisch-dramatische Beziehungsgeschichte nicht nur den Inhalt des auf "Dysphoria" platzierten Teilkonzepts, sondern lieferte uns derart viele Songideen, dass wir letztendlich nur noch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Titeln herstellen mussten und somit dem Album die Form gaben, die es nun hat.

 

Als wir die Songs soweit dann zusammengestellt hatten, begaben wir uns auf die Suche nach einem kurzen Titel, der den gesamten Inhalt treffend umfasst. Dabei kam dann "Dysphoria" heraus, das wir sowohl klanglich als auch von seiner Bedeutung (frei übersetzbar mit Missstimmung") sehr stimmig fanden.
 

2)Depressive Industrial Metal ist eine ziemlich treffende Umschreibung eurer Musik! Einiges erinnert mich – ohne Anachronismus Vorwurf – an den Industrial Metal/Rock Ansatz der 90er Jahre. Auch wenn Ihr natürlich ein sagen wir mal zeitgemäßen Entwurf den Hörern präsentiert. Was ich damit sagen will: Ihr lasst dem Song an sich genügend Platz, den Hörer bei der Hand zu nehmen und kleistert die Stücke nicht mit allen Soundscapes zu, die ein Studioprogramm auf der Festplatte hat. Eure Gedanken dazu?

 

Das deute ich erst einmal als Kompliment und sage herzlichen Dank ;)
So wie wir auf inhaltlicher Ebene immer auch dem Hörer interpretatorischen Spielraum bieten wollen, möchten wir ihn natürlich auch auf musikalischer Ebene nicht überfordern oder unsere Songs überfrachten, sondern fokussieren uns da lieber z.B. auf ein Gefühl, das wir vermitteln wollen und suchen dafür dann gezielt Sounds oder Effekte aus, um diese Intention zu untermauern. Und oft trifft diesbezüglich das Sprichwort "weniger ist mehr" zu.
Unser Song "Some Exist" ist beispielsweise so angelegt, dass er sich sehr langsam aufbaut, um dadurch die von uns gewollte Stimmung zu erzeugen.
 

Insgesamt legen wir es nicht darauf an, einen "Hit" zu schreiben oder uns nach Schema F an Rezepturen zu bedienen, die sich bisher gut bewährt haben. Wenn ein Song es fordert und es auch inhaltlich Sinn macht, geben wir ihm den Platz, den er braucht, selbst wenn dies dann die radiotaugliche Länge überschreitet. Das liegt vor allem daran, dass das Songwriting bei mir zunächst keine reine Kopfsache ist, sondern ich vielmehr meinen Emotionen freien Lauf lasse.
 

Aber wir können auch anders ;) Generell spielen wir auch mal gerne mit unterschiedlichen Sounds und experimentieren ein wenig herum, sodass dann ein Titel wie "S.a.r.b." dabei herauskommt.

 

 

3)So richtig intensiv wird das Album für mich ja ab ‚A Battlefield‘. Auch danach glänzt Ihr mit dem Erzeugen einer omnipräsenten, unterkühlt düsteren Stimmung. Ist Euch aufgefallen das das Album fast als „zweigeteilt“ wahrgenommen werden könnte? In der ersten Hälfte befinden sich weitestgehend die kompakteren Stücke…


Ehrlich gesagt, hören wir das nicht zum ersten Mal, dass "Dysphoria" als "zweigeteilt" wahrgenommen werden könnte. Uns ist das bis dato gar nicht wirklich bewusst gewesen; immerhin gibt es ja auch in der zweiten Hälfte des Albums noch knackige, schnellere Nummern wie z.B. "Without Undue Delay" oder das nicht nur auf Atmosphäre setzende "Heartbeat Decline", welche die schwermütige Stimmung immer mal wieder etwas auflockern und das Auf und Ab der thematisierten Beziehungsgeschichte widerspiegeln.
 

Dass die von dir angesprochene "omnipräsente, unterkühlt düstere Stimmung" jedoch im Albumverlauf zunimmt, ergibt sich aber sicherlich gerade durch unser Konzeptthema und dessen Storyverlauf: Tragik und Dramatik nehmen zu und das wollten wir natürlich auch musikalisch verdeutlichen und dem Hörer die damit einhergehenden Emotionen zugänglich machen.

 

Wenn du also von "intensiv" sprichst und dir diese Entwicklung aufgefallen ist, ehrt uns das sehr und dann haben wir vermutlich alles richtig gemacht

 

4)Wie lief die Promotion bis jetzt für das Album? Wie sind die Resonanzen?

 

Sehr positiv und für uns äußerst erfreulich!
Da wir musikalisch ja sehr abwechslungsreich unterwegs sind (du selbst nahmst das Albums ja zum Beispiel als "zweigeteilt" wahr), bieten wir zwar viele Überraschungen und die Möglichkeit, einiges zu entdecken, gleichzeitig läuft eine Band damit natürlich immer auch Gefahr, dass nicht jedem Hörer alles gleichermaßen gut gefallen könnte. Umso schöner ist es dann zu lesen oder zu hören, dass genau dieses stilistisch unlimitierte Vorgehen auf so viel Zuspruch stößt.
Wir selbst können die Bandbreite an stilistischen Möglichkeiten einfach wunderbar dafür nutzen, uns, unsere Texte und die damit zu transportierenden Emotionen musikalisch entsprechend vielfältig auszudrücken und wenn das dann noch dem Konsumenten gefällt oder in welcher Form auch immer honoriert wird und genau so ankommt, wie von uns beabsichtigt, dann bestärkt uns das in unserem Tun und stellt ein großes Lob dar.

 

5)Nicht nur musikalisch, auch optisch verfolgt ihr einen ganzheitlichen Ansatz. Erschwert das nicht die Themenfindung für kommende Alben, oder ist das evtl. sogar das übergeordnete Konzept von ENEMY I?

 

Ich denke, da gibt es viele andere Bands, die in optischer Hinsicht weitaus weniger flexibel und "uniformierter" auftreten, als wir das tun ;)
 

Im Grunde hat sich die "optische Aufmachung" vor allem durch unser Lyric Video zum Song "twinsight" ergeben. Darin geht es, wie in vielen unserer Texte und wie auch unser Bandname impliziert, um den steten Kampf mit sich selbst. Was Goethe schon einst in "Faust" formulierte ("Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust") setzen wir hier in moderner (und überspitzter) Form in Bezug auf einen Protagonisten, dessen Kampf in einem Zustand der lebensbedrohlichen Schizophrenie mündet. Dabei trat die Frage auf, wie wir das am besten visuell umsetzen könnten und so entstand die Idee, die man in unseren aktuellen Bandfotos nun betrachten kann.
 

Für "Dysphoria" kann dies zwar als ganzheitlicher Ansatz interpretiert werden und in Hinblick auf unseren Bandnamen könnte das auch als übergeordnetes Konzept verstanden werden, vorrangig ist es aber eher ein temporäres optisches Ausdrucksmittel, passend zum aktuellen Album; für eine nächste Veröffentlichung kann dies schon wieder ganz anders aussehen ;)
Unser Bestreben ist es ja, dass wir uns permanent weiterentwickeln und unsere Hörer durch unseren musikalischen Abwechslungsreichtum immer wieder (hoffentlich stets positiv ;)) überraschen können. So wie wir daher mit unterschiedlichen Stilen spielen und experimentieren,  könnte auch unsere optische Präsentation variieren – und sei es nur unfreiwillig und passiv, indem wir einfach älter werden :D
 

 

Danke für die Zeit!

Danke dir fürs Zeitnehmen und das Interview! J

 



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