Section: Interviews 38867Autor: Diggi
Datum: 20.01.2018
Bereich: Interviews

Thrash.Gelsenkirchen.

SACRIFICE THEORY

Da ich auch Gelsenkirchener bin, interessiert es mich natürlich brennend aus welchen Ecken der Stadt ihr kommt und wie ihr zur Band gefunden habt; sprich seit wann ihr dem Metal verfallen seid und beschlossen habt in einer Band gemeinsame Sache zu machen!

[Kalle] Ich komme aus Resse, im schönen Norden. Mit der Metalmusik selbst bin ich mit ca 13 Jahren in Berührung gekommen. Danach hatte ich bereits eine Band, die als Metalband gegründet wurde, dann die Richtung alternative Rock einschlug. Das war mit ca 15. Wesentlich später waren für mich die Uhren auf Anfang, also hab ich über mehrere Seiten Anzeigen geschaltet und bin dadurch zufällig mit Q in Kontakt gekommen. Dann folgten die ersten Jamsessions.

[Q] Ehemals Rotthausen, inzwischen Altstadt, schön Zentral. Musikalisch habe ich erst spät zum Metal gefunden. Die ersten Unterrichtsstunden hatte ich mit 11, gemeinsames Musizieren mit einem Klassenkameraden begann etwa einen Monat später. Der hatte etwa zeitgleich mit Gitarre angefangen. Vom Stil her gespielt haben wir da allerdings noch klassischen Rock, vielleicht ein bisschen Punk a la Ärzte und so. 4 Jahre später haben wir dann ne Schulband gegründet, in der auch der Kevin spielte. Auch das war eigentlich eher Rock, kein Metal. Zu dem hab ich erst 2008, nach einem Abstecher in die Klassik, gefunden. Das hatte mir so sehr zugesagt, dass ich unbedingt mehr wollte, in Form einer zweiten Band. So ging ich dann einfach mal online auf die Suche...

[Kevin] Ich bin gebürtig aus Gelsenkirchen-Bismarck. Metal und damals eher noch Punkrock habe ich seit frühester Jugend schon gehört und bin dann mit 16 in meiner ersten kleinen Band, mit dem Q zusammen, untergekommen. Das war dann auch meine Band für die restliche Schulzeit. Danach habe ich eine zeitlang in einer Rock Coverband gespielt ehe ich dann mit Sacrifice meine ersten metallischen Schritte im Bandbereich gemacht habe. Metal als Musik hat mich jedoch, egal welche Band, dabei immer begleitet.

[M] Ich komme ja eigentlich aus Niedersachsen und war da eines von diesen langhaarigen Kids, die immer im Pausenhof in einer Ecke standen und sich jeden Tag ihre neuesten Entdeckungen zuschusterten, a la "Hör dir mal Cannibal Corpse an! Das ist so krass! Du verstehst nichts!". Ich habe auch früh mit 14-15 Jahren auf Underground Punk und Metal Konzerten rumgehangen und Festivals wie das Party.San besucht, mit dem Wunsch selber mal Musik zu machen. Schwerst pubertär waren diese bärtigen Kerle auf den Bühnen halt sehr beeindruckend. War auf den Dörfern natürlich recht schwierig genug Leute zusammen zu bekommen und so hat man halt ab und zu dilletantisch krach gemacht. Als ich dann mit 20 jahren ins Ruhrgebiet gezogen bin lief die Sache schon etwas anders. Mit meiner ersten Band war ich nicht so zufrieden, also hab ich mal nach anderen Hochzeiten zum tanzen gesucht und bin dann auf die Jungs gestoßen, die gerade einen neuen Schreihals suchten. Liebe auf den ersten Blick <3 In welcher Stadt ich wohne, sage ich lieber nicht, kann es selber kaum fassen...

Für ein Debüt tönt „Infected“ schon recht selbstbewusst, Ihr lasst Euch nicht als eindimensionale Thrash Metal Band einsortieren, die jetzt z.b. NUR Bay Area, deutschen Thrash oder Crossover Thrash spielt. Was denkt ihr selbst über den INFECTED THEORY Sound und was ist euch – auch vor dem Hintergrund der nicht abnehmenden Schwemme an jungen Thrash Metal Bands – besonders wichtig?

[Q] Authentizität ist enorm wichtig. Wenn du dich auf der Bühne nur "spielst", merkt das das Publikum sofort. Gerade bei dieser Schwemme an Bands, wo man gerade hier im Ruhrgebiet jedes Wochenende 30 verschiedene Undergroundbads live sehen kann. Mit der Authentizität einhergehend natürlich auch der Spaß an der eigenen Musik. Wenn ich mich jetzt Frage, warum mache ich eigentlich Musik?, dann ist die Antwort ganz klar: Weil es mir Spaß macht! Dass es dann auch anderen gefällt, ist quasi die Kirsche auf der Sahne.

[Kalle] Für mich muss alles „echt“ sein. Ich versuche bei meinen Ideen, die ich in die Band einbringe, ungefähr die Mischung (oder eben nur die Einzelteile) aus groovig, hart und Spaß einzubringen. Die Musik muss mir selbst gefallen, es muss Spaß machen, unser Zeug zu spielen. Nur dann bin ich auch wirklich „drin“ und kann das rüberbringen. Viele Bands haben in den letzten 15 Jahren meiner Meinung nach den Hang zum Pop entdeckt, und spielen tiefergestimmte Popmusik. Sei es als ganzes oder eben Stückweise, bevorzugt im Chorus. Das ist etwas, das mir persönlich nicht gefällt und was ich stark versuche zu vermeiden. Junge Thrash- Bands gehen meist den Retroweg, weil sie sich dort zu hause fühlen. Die Musik ist nicht immer mein Ding, aber mir geht es wie gesagt um den Spaß an der Sache. Solange der im Vordergrund steht, ist alles so, wie es sein muss!

[M] Sehe das ähnlich wie die anderen. Authentizität und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber sind enorm wichtig! Ich kann diese ganzen "Ich-bin-ja-so-80er"-Schnurrbarttypen überhaupt nicht ausstehen, die rumheulen sie wären ja gar keine typische Black/Thrash Band und dann die größte Kitsch-Show der Szene abliefern. Wir sind, wie ich das einschätze, auch gar nicht tief in irgendwelchen typischen Thrash Metal Szene Dingern involviert. Ich bin z.B. halt mehr so auf der Death Metal Schiene unterwegs. Thrash Metal bietet aber einfach die Möglichkeit auch mal politische und gesellschaftskritische  Dinge anzuschreien, mit so 'ner gewissen Punk Attitüde.

Unseren Sound zu beschreiben fällt mir genauso schwer wie dir jetzt! Du nennst da ganz klar Einflüsse die ich auch höre, aber außer den üblichen Verdächtigen wie Exodus, Sodom, Kreator, Pantera, Metallica könnte ich nicht mit tiefergehender Szenekenntnis punkten. Municipal Waste ist großartig, aber da haben wir eher wenig Einflüsse drin.

Ich bin 42 und habe von 1997 bis 2003 selbst aktiv Musik gemacht, kannte die damalige Szene also ganz gut. Habt Ihr noch Berührungspunkte zur „klassischen“ GE- Metal Szene, sprich was bedeuten Bands wie Scanner, Sodom oder Black Messiah für Nachwuchs Bands?

[Kevin] Ich denke die Bands sind auch heute noch Vorbilder für alle Gelsenkirchener Metalbands. Mich persönlich begleiten zumindest Sodom musikalisch schon sehr lange und nehmen auch einen guten Teil in meinem CD-Regal ein! Einen wirklichen Kontakt von Underground-Szene  zu Szenegrößen gibt es da aber relativ wenig.

[M] Ich grüße hier mal den Andy Brings, der mal mein Nachbar war. Hi Andy! Sodom waren eigentlich immer ein Garant für gute Musik und großartige Konzerte. Nach dem jüngsten Besetzungskarussel bin ich aber etwas skeptisch. Da ich sowieso Zugezogener bin, muss ich wohl verneinen.

[Kalle] Tatsächlich habe ich keinen großen Bezug zu den Bands. Klar kenne ich Sodom, sie machen aber nicht den Großteil meiner CD- Sammlung aus. Da war ich immer mehr der nicht-deutsche Metaller.

Im Hier und Jetzt sieht es ja verdammt gut für den stadteigenen Metal Nachwuchs aus; Attic, Resistor, Night´s Blood, Sacrifice Theory….. An Bands scheint es nicht zu mangeln, aber an der Infrastruktur…. Eure Gedanken zu diesem Thema und welche Kontakte und/oder Netzwerke haltet ihr über den Ruhrpott aufrecht?

[Q] Wenn man mal außerhalb des Ruhrgebiets spielt, hört man von den anderen Bands immer das Gleiche: "Ihr kommt aus dem Pott? Das muss als Band ja großartig sein!" Fakt ist, es ist verdammt hart. Als Band aus dem Pott triffst du dich mittags am Proberaum, lädst dein viel zu teures Equipment in viel zu kleine PKW, eierst zu irgendwelchen Jugendzentren, um da zwischen Fingerfarbenbildern und Gesellschaftsspielregalen vor mühevoll organisierten 30 Leuten für ne Gage von fünf Getränkemarken pro Kopf zu spielen. Und natürlich muss dann auch um Punkt 10 Uhr Ruhe sein. Klar, das hat auch so seine Vorteile, gerade für junge Bands. Du kommst hier im Pott sehr schnell auf die Bühne und kannst deine Musik öffentlich präsentieren. Aber neben den Jugendzentren ist es schon sehr schwer, ne Möglichkeit zu finden, seine Musik auf die Bühne zu bringen.

[Kalle] Das Thema Infrastruktur ist bestimmt schon bis ins Kleinste besprochen worden. Auch ich denke dort das übliche. Wenn du nichts bist, bekommst du nicht die Möglichkeit zu spielen, und wirst nie Etwas weil du nicht spielst. Wir sind immer auf der Suche nach Gigs und halten Kontakt zu Bands, die wir für passend halten, z.B. für spätere gemeinsame Sachen. Ansonsten gilt es zu suchen und sich zu bewerben, was das Zeug hält! Von nichts kommt auch nichts. Allerdings wundere ich mich manchmal, wie einem die Flut an Möglichkeiten doch manchmal blind macht, und manchmal Konzertreihen ausgebucht sind, von denen ich keine Bewerbungsphasen wahrgenommen habe.

[M] Die Stadt Gelsenkirchen schießt sich auch echt in's eigene Bein, wenn sie so tollen Jugendzentren wie dem Tossehof, mit großer Bühne und tollem Equipment untersagt öfter Konzerte zu machen. Nicht nur für Metalbands, sondern für alle Arten von Nachwuchsmusik! Das macht wirklich wütend, was sollen die Kids denn sonst machen? Drogen nehmen oder Nazis werden? Ja, super! Ich freue mich, dass unsere Kumpels von Firestorm angefangen haben in unserem Proberaumzentrum Consol 4 vor echter, uriger Ruhrpottkulisse mit überraschend gutem Sound Konzerte zu veranstalten! Die kann man sich wirklich gut geben. Ansonsten ist es wirklich eine Pest, wenn man keinen Job hat, mit dem man mal eben mehrere hundert Euro riskieren kann um ein Konzert zu veranstalten, bleibt einem wirklich nur der klassische Weg der Geduld und netten Menschen, mit guten Kontakten. Networken ist glaube ich nicht unsere größte Stärke. Für gewöhnlich sind immer alle davon begeistert, wie umgänglich wir sind, wenn wir dann doch mal auf andere Menschen treffen.

[Kevin] Die Konzertreihe die Martin anspricht heißt „Rise of the Underground“ und ist im Moment leider die einzige regelmäßige Underground-Metalveranstaltung in Gelsenkirchen. Und ich denke, das sagt schon einiges über die Infrastruktur hier in der Stadt aus...

Ihr habt Label und Vertrieb an eurer Seite. Hier scheint jede Band anders unterwegs zu sein, aber eines eint alle: Nahezu jede Band nutzt die digitalen Kanäle und versucht so selbstbestimmt wie nur möglich die Bandgeschicke zu leiten. Wie sieht so ein Bandalltag bei euch aus, wenn es um Gigs geht oder Werbemaßnahmen?

[Kalle] Wir sind nicht die Ultra-Mediennutzer. Ab und an kommen neue Bandfotos dazu, wir versuchen mehrere Shirtkollektionen aufrecht zu erhalten. Wir bewerben unsere Gigs bei Facebook, hauen seltener mal eine Wasserstandsmeldung raus. Zum Release der CD gab es ein Lyricvideo zu „Summer of Hate“. Wenn es etwas zu sagen gibt, dann sagen wir es. Es geht immerhin um unsere Musik, nicht um die Werbung.

[M] Ja, diese Band hat eine ausgeprägte Social Media Inkompetenz. Gibt's übrigens einen Song zu auf der Platte, heißt "Zombie Monkeys". Der kritisiert die schlimmsten Auswüchse dieser ganzen Smartphone-Facebook-Follow-me-around-Seuche. Vielleicht werden wir irgendwann mal Social Media aktiver, muss wohl.

Was beeinflusst eine junge Thrash Metal Band anno 2018? Sind es mittlerweile auch Bands der dritten Generation, also Kapellen wie Evile, Angelus Apatrida oder Havok? Oder kommt man an den großen Namen immer noch nicht vorbei?

[Kalle] Ganz eindeutig die großen Namen, liegt aber eher daran, dass ich in meiner Jugend eher mit den alten Bands warm geworden bin, als mit dem, was zu der Zeit aus dem Boden geschossen kam. Ich höre mir heute Evile, Lazarus A.D. oder Havok an, keine Frage. Ich kann bei den alten Sachen allerdings die CD am stück hören, wogegen heute eher einzelne Lieder meinen Geschmack treffen.

[Kevin] Bei mir stehen im Moment die „neuen“ Bands wie Toxic Holocaust, Municipal Waste, Havok oder auch Gama Bomb hoch im Kurs. Aber wirklich vorbei komme auch ich nicht an den „großen alten“. Und sei es nur weil sie mich in meiner Jugend ordentlich beeinflusst haben und das immer noch nachwirkt.

[Q] Unterbewusst werde ich sicherlich von den Bands, die ich so höre, beeinflusst. Dazu gehören neben bspw. Exodus, Overkill und Lamb of God auch Havok. Die ganz großen sind da jedoch nicht dabei. Bewusst beeinflussen lasse ich mich da eher aus anderen Genres: Rage against the Machine, Offspring, Dream Theater, Tool, aber auch die Klassik hat viel zu bieten.

[M] Mich beeinflusst wohl für diese Band am meisten der Gesang von Mille und Phil Anselmo, ob mensch das jetzt hört oder nicht. Ich hätte aber Bock noch ein bisschen mehr Municipal Waste in unseren Sound zu bekommen, kihi. Was von den Jungs noch keiner gesagt hat, ist das wir schon echt glücklich darüber waren, dass wir schon mit Toxic Holocaust und Havok die Bühne teilen durften, die laufen auch tatsächlich mal im Proberaum!

 Zum Schluss könnt Ihr gerne für künftige Konzerte Werbung machen!

[M] Stehen leider noch keine an (Januar 2018). Also Booker da draußen: Bucht uns! Wir sind laut und gerade außerhalb des Ruhrgebiets und auch schon in Belgien haben wir großartige Resonanzen von Publikum bekommen, dass uns vorher nicht kannte.

 



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