Section: Reviews 40444Autor: Diggi
Datum: 27.05.2018
Bereich: Reviews

Eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem manchmal streitbaren Duo....

The Constellatory Practice

URFAUST

Urfaust… Nun gut… Sprechen wir über Urfaust... Galten mal als der heiße Scheiß im Black Metal. Trotzdem hatte ich mich bisher nie tiefergehend mit dieser Band auseinandergesetzt; lediglich vielleicht mal einen Song hier oder da gehört – und mich gefragt, woher der Hype bloß kommt (sofern man im Underground überhaupt von Hype sprechen kann). Dann bekomme ich plötzlich das neue Album zugesteckt; mit der Bitte, mal reinzuhören und was dazu zu schreiben. Das kam in etwa so überraschend wie die Veröffentlichung des Albums selbst, denn hier gab es im Vorfeld keine Teaser, keine Promo-Aktionen, nichts; wofür ich gleich mal den ersten von zehn möglichen Punkten vergebe – von Darkthrone gab es früher schließlich auch keine Ankündigungen bezüglich bevorstehender Veröffentlichungen. Okay, es gab das (ausverkaufte) Konzert im Oberhausener Helvete im März 2018; dort hätte man eventuell aus erster Hand erfahren können, dass da bald was Neues kommt – wenn man denn da gewesen wäre. War ich aber nicht… Wie ich heute weiß: Leider!

Los geht es in Doctrine of Spirit Obsession mit einem kurzen, atmosphärischen Keyboard-Intro. Aber schon nach 15 Sekunden, mit dem ersten Akkord der Gitarre und dem ersten Hieb auf das Schlagzeug, setzt der für Urfaust so charakteristische Gesang ein – der Gesang, der mich immer ein bisschen von der Band abgehalten hat (und ich bin weiß Gott schrägen Gesang gewohnt; siehe bzw. höre Silencers Death – Pierce me oder die frühen Burzum- bzw. Helheim-Werke). Auch hier ist mein erster Impuls: Alter, warum lallst du da so rum? Bist du besoffen? Ich erinnerte mich dunkel an das eine oder andere Interview, in dem man sich ganz sicher nicht der Straight Edge-Szene zugehörig zeigte. Aber das verwarf ich schnell wieder und wollte mich nur auf die Musik konzentrieren. Die nächsten dreieinhalb Minuten werden dann zwei Riffs repetiert, begleitet von höher geleierten Aaaahhhs; etwas tiefer geleierten Eeeehs; einem Schlagzeug, das so selten berührt wird, dass die Felle wohl noch Jahrzehnte halten sollten; und dann ist da noch dieser hohe, fiepsige (Keyboard?)Ton mittendrin, der die Aufmerksamkeit ein wenig von der gewollten Eintönigkeit der Riffs ablenkt. Und während man es sich gerade gemütlich eingerichtet hatte in der Repetition, kommt aus dem Nichts eine fast schon dramatisch zu nennende Wendung hin zu dunkleren Akkorden, diesmal begleitet von hohepriesterartigem Gesang und seltsam-sphärischen, aber jederzeit passenden Keyboard-Tönen. Meine Skepsis wich einem gesteigerten Interesse, denn obwohl sich oberflächlich alles schlicht anhört, lohnt es sich doch über die Maßen, auf die feinen Details zu achten. Schlussendlich werden die beiden Parts noch mal in ähnlicher Form und Länge wiederholt, bevor am Ende eine kurz rückkoppelnde Gitarre und das Keyboard für einen mystischen Ausklang sorgen. Für einen derart interessanten Song vermerke ich schon mal zwei weitere Punkte in meinem Hinterkopf. Behind the Veil of the Trance Sleep ist ein fernöstlich klingender Ambient-Trip (ins Nirvana?). Mag ich eigentlich gar nicht, aber hier passt auf eigentümliche Weise alles zusammen. Der Kurs in kosmischer Meditation ist dann noch ambientiger, mit viereinhalb Minuten deutlich kürzer als alle anderen Songs, dafür aber mit einem Maximum an Sphäre. Auch False Sensorial Impressions startet mit extrem düster-sphärischen Klängen, sodass ich mich insgeheim frage, ob noch mal Metal kommt. Kommt. Und zwar ab Trail of the Conscience of the Dead. Doom, wie ihn Candlemass nicht geiler zocken könnten. Gitarrist und Sänger IX schlüpft wieder in die Rolle des Tempelsängers; anklagend, beschwörend, faszinierend. Die Melodie kurz vor der Fünfminutenmarke: traurig, dunkel, betörend; die „Streicher“ nach etwas mehr als sieben Minuten: melancholisch-herzzerreißend. Der kakophonische Ausklang: niederschmetternd. Eradication Through Hypnotic Suggestion ist dann wieder ein ambient-lastiger und gleichzeitig auch der letzte Song auf der Platte. Pluspunkt hier: der sakrale Gong zu Beginn und am Ende; da stehe ich einfach drauf.

Spätestens nach dem dritten Hördurchlauf hatte mich das Album gepackt, sodass ich mich nun doch auch eingehender mit der Urfaust-Historie auseinandersetzen möchte. Black Metal-Einflüsse kann ich zwar so gut wie gar nicht mehr raushören, aber die Doom-/Ambient-Ausrichtung erzeugt eine ebenso düster-meditative Atmosphäre, der man sich nicht so leicht entziehen kann, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat. Ein wirklich gelungenes Werk und konsequente Weiterführung des Weges, der nicht zuletzt auch schon auf der Empty Space Meditation eingeschlagen wurde. Ein Punkt für die Veröffentlichungspolitik; zwei Punkte für Doctrine of Spirit Obsession. Ein Punkt für den Tempelsänger. Ein weiterer Punkt für die vielen kleinen Details in den Songs. Noch ein Punkt für den Schlagzeuger, der es in über 53 Minuten Spielzeit schafft, nicht 1x das Gaspedal durchzutreten. Zwei Punkte für ein stimmiges Gesamtkonzept und jederzeit interessante Songs. Und einen halben Punkt für das esoterische Cover-Siegel. Für mich eines der Highlights des bisherigen Jahres.

VÖ: 04.05.2018

Label: Ván Records

Fazit: 8,5 / 10



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