Grave Digger mit Rage live in Japan

Interview
Tourdaten

-ein Rückblick von Tomi dem göttlichen-

02.11.: 7:30 Uhr Treffen am Flughafen. Fängt ja gut an, diese Tour. Wegen verständlicher Nervösität kaum geschlafen, um 5:30 Uhr Abfahrt nach Düsseldorf. Ich kann kaum die Augen offen halten und irgendwie glaube ich gar nicht, auf dem Weg nach Japan zu sein.
Nach dem Start des Großraumfliegers liegen 14 Stunden Flug vor uns. Jeder vertreibt sich die Zeit anders. Bei einigen spielt der Alkohol, den es fatalerwiese in beliebigen Mengen und für lau gab, hierbei eine tragende Rolle. Das hat zur Folge, daß der Flug bedingt durch alkoholische Aus- und Umfälle recht unterhaltsam und kurzweilig wird. Außerdem schlage ich den Hippie aus der Crew im Backgammon 5:0. Ehre wem Ehre gebührt. (Tomi, Liebelein - Du hast noch nicht gegen mich gespielt... Sista S....)

03.11.: Ankunft in Tokyo; gegen 8:00 Uhr fällt eine Horde übermüderter Zombies aus dem Flieger. Spätestens weiß auch jetzt der Letzte, was ein „Jet-Leg“ ist. 11:00 Uhr Ankunft im Hotel, wir wollten alle nur noch schlafen, aber die Zimmer sind erst gegen 13:00 Uhr fertig. Also erst mal zum Automaten und eine Dose Kaffee ziehen (das Zeug ist sogar heiß; die spinnen - die Japaner). Dann auf eigene Faust durch Tokyo´s Straßen zum nächsten McDonald´s. Die Hauptstraßen zwischen gigantischen Häuserschluchten sind in drei Trassen übereinander aufgeteilt (jede Trasse mindestens 4-spurig; die spinnen - die Japaner). Der Himmel ist meistens nur zu erahnen, Streß, Hektik und Lärm überall. 13:00 Uhr endlich auf die Zimmer, aber schlafen können wir nicht, also ins hauseigene Whirlpool. Abends beneiden wir die Rager, die ausschlafen können. Wir haben eine unplugged Session zu spielen und danach ist Fan Meeting angesagt. Angesichts des Schlafmangels erscheint dieses ca. 4stündige Programm nicht sehr verlockend. Aber es macht dann doch Spaß und läuft super. Danach lädt unsere japanische Plattanfirma in ein japanisches Spezialitätenrestaurant zum Essen. Mein erstes Sushi (roher Fisch; die spinnen- die Japaner). Schmeckt echt strange, aber lecker (ich glaube, langsam fange ich selber an zu spinnen). Danach, der Müdigkeit zum Trotz, Absaufen in Tokyo.

04.11.: Nach einem viel zu kurzen Morgen zum Schlafen werden wir im Hotel zum Soundcheck abgeholt. In der Lounge warteten bereits diverse Fans auf uns. Fotos, Autogramme und Smalltalk in „Teutonischem Nippon Englisch“. Die Jungs von Rage absolvieren diese Übung freundlich und routiniert, wir hingegen sind echt überrascht und müssen uns erst an diesen „Star Kult“ gewöhnen. Vor dem Club wieder Fans, wieder Fotos etc. (die spinnen - die Japaner). Dann nähert sich nach dem Soundcheck der historische Moment, zum ersten Mal Grave Digger live in Japan. Die Halle ist fast ausverkauft, das Intro läuft und irgendwie haben wir doch alle ein flaues Gefühl in der Magengegend, auch wenn es keiner zugeben will. Und jetzt raus auf die Bühne, nicht nachdenken, einfach machen... es ist unbeschreiblich, lauter Jubel schallt uns entgegen. Uwe spielt die ersten Töne von „Scottland United“ ...scheiße...gleich den ersten Einsatz versiebt. Ein Seitenblick; wenn Uwe nicht spielen müßte, würde er sich wahrscheinlich vor Lachen auf dem Boden wälzen. Na warte, dir zeige ich es noch, und dann geht es nur noch ab.
Die Jungs von Rage können diese Publikumsreaktion gar nicht mehr toppen, das ist unmöglich, denken wir. Aber wir kennen ja die japanischen Fans nicht. Unglaublich, was da passiert. Danach lädt der Veranstalter zum Essen ein. In diversen Saucen eingelegtes Rindfleisch direkt am Tisch gegrillt. Langsam gewöhne ich mich an die Stäbchen. Es gibt japanisches Bier und danach Sake (warmer Reiswein), der harmlos schmeckt aber jegliche Vorstellungen von weiteren Aktivitäten im Keim erstickt.

05.11.: Viel zu früh aufstehen. Der Mann in meinem Kopf scheint gerade einen Platz zu pflastern. Klamotten packen und bloß nichts vergessen. Alles voller Fans. (die spinnen - die Japaner). Mit dem Schnellzug fahren wir nach Osaka. Langsam scheint mein Magen versönlicher gestimmt und verlangt als Wiedergutmachung für den gestrigen Abend was zu Futtern. Als mir die freundliche Bedienung die Speisekarte zeigt, muß ich wieder passen. Na ja, spielen wir halt Roulette. Ich hatte Glück. Der Club in Osaka ist klein, unsauber und gemütlich. Rock´n´Roll eben. Wir spielen hier zweimal, beide Konzerte sind ausverkauft. Der ganze Club schien zu kochen. Auch Rage räumten erwartungsgemäß voll ab.

06.11.: Ausschlafen. Danach das übliche Programm in der Hotellobby. Soundcheck im Club.Danach beschließen Efti, Holger und ich die Veranstalter ein wenig zu ärgern. Unbemerkt entschlüpfen wir den immer wachsamen Augen der zahlreichen Aufpasser, welche einen normalerweise nicht alleine lassen und bummelten ein wenig durch die Stadt. Bei unserer Rückkehr herrscht Chaos, denn niemand wußte, wo wir waren. Wenn die Japaner nicht alles zu 100% kontrollieren können, herrscht Katastrophenstimmung. Artig entschuldigen wir uns, geloben Besserung und werden noch nicht mal rot. Chris bewaffnet sich mit einer Plastikgitarre und post als Slash Kopie mit Zylinder (woher kam der auf einmal ???) und Kippe im Mund neben einem japanischen Axl Rose zu Paradise City. Ich schnappe mir darauf hin einen Hocker und interpretiere AC/DC, wobei ein Hockerbein als Gitarre diente. Fragt mich nicht welchen Unfug derweil Uwe, Stefan und die anderen getrieben haben. Wir alle hatten auf jeden Fall unseren Spaß. Dem japanischen Barkeeper blieb nichts anderes übrig als öffentlich festzustellen: “Wenn die Deutschen beschließen nachts zu feiern, dann tun sie das, aber sie tun das so lange bis die Nacht zu Ende ist. “Wenn der wüßte, was danach im Hotel... Na ja, man muß ja nicht alles erzählen.

07.11.: Ein Day off für Rage und Crew. Wir hingegen müssen wieder unplugged spielen. Angesichts der letzten beiden Nächte und meiner kaum noch einsatzfähigen Stimmbänder halte ich mich bei den Refrains chortechnisch dezent im Hintergrund. Die Horrovorstellung des offiziellen Fanmeetings entpuppt sich, auch dank der speziellen japanischen Art diese Dinge zu organisieren, wieder als voller Erfolg.

08.11.: Gestern abend sind wir relativ früh und relativ nüchtern ins Bett gefallen. Deswegen haben Uwe, Stefan und ich uns vorgenommen, shopping zu gehen. Als Geschenk für meine Freundin versuche ich noch möglichst unauffällig eine japanische Bowie CD zu erwerben. Mein Gott, wenn mich dabei jemand erkennt ,wäre das peinlich; ausgerechnet Bowie. Mit vollgepackten Taschen und leeren Geldbeuteln treffen wir im Hotel ein. Erneutes Fanmeeting. Dabei fällt mir die Bowie CD runter, und jeder hat´s gesehen. Erklärungen sind sinnlos und so verziehe ich mich schnell auf mein Zimmer. (...aber dreh die CD nicht zu laut auf, die Tippse...)
Der Club heute abend ist zur Hälfte gefüllt. Danach gibt es zur Abwechlung mal Mexikanisches Essen. Ansonsten das Übliche: Japanisches Bier bis zum Abwinken und jede Menge Spaß.

09.11.: Letzter Tourtag, wir spielen nochmal in Tokyo. Als wir nachmittags im Club ankommen, ist schon jede Menge action angesagt. Viva sind da und drehen alles mögliche mit, für eine Stunde Metalla über Japan. Boggi unser Manager ist auch mal vorbei gekommen. Lauter wichtige Leute, von Presse, Plattenfirma etc.! Irgend ein blöder, arroganter Amiposer steht jedem im Weg und erzählt dauernd, wie geil er HM findet. Hat früher mal bei Ratt gespielt, heute schnorrt er uns das Bier weg und nervt. Ist irgendwie ganz schön schwierig, sich bei der ganzen action mental auf den Gig vorzubereiten. Noch schwieriger ist es allerdings in die übelst stinkenden Bühnenklamotten zu steigen. Das kostet jeden Tag mehr Überwindung, da hilft auch kein Lüften mehr. Heute spielen wir unseren besten Gig. Wir sind optimal eingespielt und holen das letzte aus raus. Die Halle ist ausverkaut und tobt. Heute gelingt alles, wir schaffen es sogar, „Rebellion“ fehlerfrei zu spielen. (Ist ja granatenstark, Hoshi...die Redaktion)
Dieses Konzert bildet den würdigen Abschluß unserer stressigen, zumeist schlaf-freien aber auf jeden Fall faszinierenden Tour durch Nippons Land. An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei den Ragern bedanken, die uns mitnahmen, uns so gut wie irgendmöglich unterstützten und uns nie das Gefühl gaben, nur Vorgruppe zu sein. So funktioniert wahre Brüderschaft unter Heavy Metal Bands.
Ich freue mich schon auf die Headliner Tour im Januar, wenn wir die neue Show unseren deutschen Fans vorstellen können.

Mit metallischen Grüßen:
Tomi Göttlich

Thanx an Tomi und Grave Digger für diese Impressionen. See ya in January 97.

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